Apollinaires “Calligrammes. Poèmes de la paix et de la guerre”

Für den Versuch einer modernen Lektüre zwischen Psyche und Ästhetik

FLORIAN LÜTZELBERGER (Otto-Friedrich-Universität Bamberg)

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Zusammenfassung: Die Schrecken der Front ließen den im Ersten Weltkrieg für die französischen Truppen kämpfenden Guillaume Apollinaire nicht unberührt; er musste Kameraden sterben sehen, selbst töten und in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges in ständiger Angst dem Horror der Schlacht standhalten. Unter Zuhilfenahme psychotraumatologischer Konzepte – gerade, weil das Genre der Kriegslyrik stark zwischen Faktion und Fiktion oszilliert und sich herkömmlichen Zugriffen zu Teilen versperrt – kann sich so der dringende Verdacht erhärten, dass Apollinaire eine ernstzunehmende Traumatisierung erlitten haben könnte und schließlich mit den Konsequenzen einer posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen hatte, welche er in seinen Werken zu verarbeiten suchte. Die Übersetzung des eigenen Schmerzes – oder zumindest von Splittern dieser Erfahrung – in lyrisch-narrative Strukturen kann dabei als erster Schritt einer solchen Verarbeitung gedeutet werden. Durch ein solches Verständnis, zu welcher der Beitrag anregen will, kann das Geflecht aus psychologischen und ästhetischen Elementen im Sinne einer psychoanalytisch-biographistischen Spurensuche entwirrt werden und so die Kriegsgedichte, die teilweise direkt von den Schlachtfeldern stammen, letztlich erst in ihrem ästhetischen Gehalt vollends gewürdigt werden. Es handelt sich dabei nicht, wie häufig in der Forschungsliteratur behauptet, um eine einfache Flucht vor den Schrecken des Krieges. Vielmehr sind die Calligrammes unter dieser multiperspektivischen Lupe als ein Versuch der Aufarbeitung, des Übertrags des traumatisierenden Moments in ästhetische Strukturen, gar im Sinne einer Mimesis psychisch-emotional-biographischer Bausteine im Konstruktionsvorgang einer lyrischen Kriegswelt der Moderne, und so letztlich als Grenzgang zwischen Ästhetik und Psyche zu verstehen.

Über den Autor: Florian Lützelberger studierte Romanistik (Französisch und Spanisch), Germanistik, Europäische Ethnologie, Geschichte und Erziehungswissenschaften an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg sowie der Universidad de Granada. Er schloss das Studium mit dem Staatsexamen sowie einem Bachelor of Arts ab und ist seit 2017 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Bamberg tätig. Dort promoviert er seit 2018 im Rahmen der Bamberg Graduate School for Literary, Cultural and Media Studies bei Prof. Dr. Dina De Rentiis in Romanischer Literatur- und Kulturwissenschaft. Dabei widmet er sich einer komparatistischen, diachron angelegten Studie zu einer europäischen Ästhetik des Krieges.