Tibulls Elegie 1,3 als ‘Antwort’ auf Vergils 4. Ekloge

Perspektiven für eine transtextuelle Deutung

NIKLAS GUTT (Ruhr-Universität Bochum)

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Abstract: Der Bezug zu Vergils vierter Ekloge und zu den Georgica, den Tibull in seiner Elegie 1,3 herstellt, ist ein Paradebeispiel für Transtextualität im Sinne Genettes (1982). Durch zahlreiche intertextuelle Spuren in seiner Darstellung des Goldenen Zeitalters und seinen Jenseitsvisionen stellt der Elegiker einen Kontrast zu Vergils Vorstellung von der Wiederkehr eines Goldenen Zeitalters her: Für die elegische persona kann es in einer Welt, die von Krieg und weiten Reisen geprägt ist, keine Erfüllung geben. So ist Tibulls Goldzeit unwiderruflich vergangen, und die einzige Perspektive für eine Wiederkehr dieses Idealzustandes liegt für ihn im Jenseits. In seiner Elysiumsvision mischen sich Elemente des Goldenen Zeitalters mit Motiven der römischen Liebeselegie. Tibull transformiert die diesseitige Heilsperspektive Vergils somit in eine elegische, jenseitige Heilsperspektive. Diese hypertextuelle Transformation kulminiert in der Vision des plötzlichen Erscheinens des elegischen Ichs bei seiner Geliebten. Erneut verweisen hier intertextuelle Spuren auf die vierte Ekloge: Wie dort die Ankunft des Knaben als das Erscheinen eines Heilsbringers gefeiert wird, so tritt Tibull nun als Heilsbringer für seine Geliebte und zugleich sich selbst auf – in den Armen seiner Delia verwirklicht sich für ihn in seiner Imagination das Goldene Zeitalter. Mit dieser Interpretation ist es also möglich, Vergils vierte Ekloge im Sinne Genettes als Hypotext für die Goldzeitschilderung und die Jenseitsvisionen samt dem Gedichtschluss zu deuten.

 

About the Author: Niklas Gutt studiert seit dem Wintersemester 2013/14 an der Ruhr-Universität Bochum die Fächer Klassische Philologie (Schwerpunkt Latein) und Geschichte. Im Winter 2015/16 hat er sein B.A.-Studium mit einer Arbeit zum verlorenen Schluss des pseudocaesarischen Bellum Hispaniense beendet und ein M.A.-Studium in Klassischer Philologie angeschlossen.